Ein Beobachtungsstand für die Röllingwiese zurück  

Die Röllingwiese in Schwerte-Westhofen

Am Anfang stand die Erkenntnis der Wasserwerke Westfalen, dass der Wasserverbrauch zurückgeht. Ein bewussterer, sparsamerer Umgang mit dem teuren Wasser war nicht nur im privaten Sektor, sondern vor allem in der Industrie zu bemerken.

Die Dortmunder Stadtwerke mit den Wasserwerken Westfalen zögerten zwar noch einige Jahre, zogen aber dann ihre Konsequenzen: Große Flächen des Ruhrtals standen zum Verkauf. Die Flächen waren zwar für Betriebsansiedlungen und Wohnbebauung wegen der permanenten Hochwassergefahr nicht zu nutzen, trotzdem waren amtlicher und nichtamtlicher Naturschutz froh, dass das Land NRW 2012 die Röllingwiese kaufte. Bereits vorher waren die Entwässerungspumpen abgestellt worden, so dass die Wiesen vor allem im Westen immer nasser wurden. Der Bauer, der die Fläche als Weideland gepachtet hatte, konnte sie für sein Weidevieh nicht mehr nutzen. Das Wasser stieg langsam aber stetig, bis eine unregelmäßig geformte Wasserfläche zwischen 30000 und 50000 qm entstand. Der Wasserstand richtet sich dabei nach der angestauten Ruhr, die im westlichen Bereich zwischen niedrigen Deichen geführt wird und je nach Regenfällen mal mehr, mal weniger Wasser führt.

Bekanntlich arbeiteten seit Jahrhunderten Landwirtschaft und Behörden Hand in Hand daran, alle nassen Wiesen und Moore im Land zu entwässern, zu dränieren und schließlich in Ackerland umzuwandeln. So gibt es also auch in und um Schwerte fast keine feuchten Grünländer mehr. Werden Wiesen aber intensiv bewirtschaftet, das heißt gedüngt und mindestens zweimal pro Jahr gemäht, bieten sie keinen Lebensraum mehr für Vogelarten, die ihre Nahrung nur in Feuchtgebieten finden und auch dort brüten.Sind Vögel erst einmal aus einer Gegend verschwunden, kann es lange dauern, bis vielleicht einige zurückkommen werden.

Da es aber landesweit außer in wenigen Reservaten kaum noch Feuchtflächen gibt, werden wir auf der Röllingwiese wohl vergebens auf Uferschnepfe, Rotschenkel, Brachvogel und Bekassine als Brutvögel warten.
Erfreulicher stellt sich das Bild beim Vogelzug dar. Gerade beim Herbstzug zog die neue Wasserfläche gleich durchziehende Weiß- und Schwarzstörche an. Immer wieder kamen Silberreiher aus Südosteuropa zu den hier heimischen Graureihern. Gänse ruhen gern auf den Wiesenflächen in Ufernähe, während besonders flache Stellen den durchziehenden und rastenden Limikolen als Nahrungsräume dienen. Zu den Stock- und Reiherenten gesellten sich im Herbst und Winter die kleinen Krick- und Schnatterenten. Spieß- und Löffelenten gaben hier Gastspiele, Rohrweihen ließen sich hin und wieder sehen und ein Fischadler blieb 2013 sogar für mehrere Tage dort und fing Fische. Zwergtaucher und Reiherenten, Bläss- und Teichrallen stellten gleich fest, dass man in den Binsen gute Brutverstecke findet. Eine kleine Sensation für die Beobachter war, dass Schnatterenten nun erstmals in Schwerte auf der Röllingwiese erfolgreich gebrütet haben und stolz elf Junge auf die Wasserfläche führten. Schnatterenten waren hier früher fast unbekannt, sind seit Jahren aber regelmäßige und gern gesehene Wintergäste.

Vogelleben hat sich also schnell eingestellt. Genauso schnell sprach sich diese Tatsache herum, und viele Interessierte wollten das Naturschauspiel gern aus der Nähe sehen. Das störte die Vögel leider so, dass sie immer weiter in die hinteren Bereiche zur Ruhr hin auswichen. Vorübergehende Abhilfe schaffte die Biologische Station mit provisorischen Sichtschutzwällen aus Ästen und Zweigen, die aber bald in sich zusammen fielen. Ein ordentlicher Beobachtungsstand war erforderlich, wollten wir die dauernden Störungen von den rastenden und Nahrung suchenden Vögeln fernhalten.

Vögel der Röllingwiese: Silberreiher, Weißstörche und Zwergtaucher. Fotos AGON/Ackermann
Der Beobachtungsstand entsteht. Fotos AGON/Ackermann

Ein richtiger Beobachtungsstand muss her!

Eine Anfrage bei der Bezirksregierung Arnsberg, die die vom Land erworbenen Flächen verwaltet und entwickelt, war vergebens. Man habe im Osten bei Neheim und Wickede mit der Teil-Renaturierung der Ruhr begonnen. Dort werde alles Geld und alle Arbeitskraft gebraucht. Es könne Jahre dauern, bis Schwerte an der Reihe sei. So lange wollte die AGON aber nicht warten und ergriff selbst die Initiative. Von der Bezirksregierung Arnsberg bekamen wir die Genehmigung, auf dem NRW-Grundstück einen Beobachtungsstand zu bauen. Wir heißt, die AGON als Ortsgruppe des NABU Kreisverbandes Unna e.V. Über den Kreisverband müssen alle Geschäfte laufen. Die AGON Schwerte allein ist kein eingetragener Verein und damit keine „juristische Person“. Die Biostation besorgte ein sehr günstiges Angebot von der Umweltwerkstatt Lünen, jetzt auch unter dem Dach der Werkstatt im Kreis Unna.

Somit hatten wir eine Preisvorstellung, doch woher das Geld nehmen? Ein erster Anlauf mit der Naturfördergesellschaft und Stadt Schwerte als Partner scheiterte. Doch dann kam von der Stadt ein guter Hinweis. Die Stiftung Umwelt und Entwicklung NRW könne auch solche Vorhaben bezuschussen. Sofort stellten wir einen Antrag mit ausführlicher Begründung und Kostenvoranschlag. Acht Wochen sollte es bis zur Entscheidung dauern, nach zehn Wochen bekamen wir tatsächlich eine Förderzusage. Mit dieser Sicherheit in der Tasche konnten wir den Auftrag an die Umweltwerkstatt vergeben. Die Werkstatt bildet Jugendliche aus, die auf dem Arbeitsmarkt keine Lehrstelle bekommen haben. Während der Berufsausbildung können sie darüber hinaus auch noch den Hauptschulabschluss nachholen. Ein guter, sozial engagierter Partner also.

Bei der Stadt Schwerte als Genehmigungsbehörde stellten wir den Bauantrag. Dort bekamen wir erfreulicherweise auch alle notwendigen Hilfestellungen, ob es um statische Berechnungen oder um das Angleichen der Zuwegung an den Stand ging. Die Umwelt-Werkstatt Lünen baute derweil mit ihren Auszubildenden den Stand, 4 x 6 m groß, in verzinkter Stahlkonstruktion und setzte ihn auf Punktfundamente, so dass normale jährliche Hochwasserereignisse unterhalb der Plattform bleiben. Die Sichtschutzwände bestehen aus gehobelten Lärchenholzbrettern aus dem Sauerland, geliefert von einer Schwerter Tischlerei und montiert mit den Auszubildenden der Umwelt-Werkstatt. Die Schlussabnahme des Bauordnungsamtes erfolgte am 04.08.2015. Mit der Fertigstellung ist sowohl den störungsempfindlichen Wasservögeln als auch allen Beobachtern geholfen.

In einer kleinen Feierstunde am 17. August wurde dann der Stand seiner Bestimmung übergeben. Unter Planen als provisorischem Schutz trotzten die geladenen Gäste dem Dauerregen. Wir nutzten die Gelegenheit, allen die mit vereinten Kräften an der Realisierung dieses Vorhabens mitgewirkt haben, sehr herzlich zu danken.

 

Hervorzuheben sind besonders die Stiftung Umwelt und Entwicklung, die Stadt Schwerte, der Fachbereich Natur und Umwelt des Kreises Unna und die Bezirksregierung Arnsberg, die Umweltwerkstatt Lünen, die Biologische Station Kreis Unna/Dortmund und nicht zuletzt die fleißigen Mitarbeiter der AGON Schwerte, die durch Herstellung und Verkauf von Vogelfutterknödeln den nicht unerheblichen Eigenanteil der Gesamtkosten aufgebracht haben.

Doch es gibt noch viel zu tun. Wir möchten, dass die bisher nur durchziehenden Weißstörche Schwerte als gutes Brutgebiet entdecken sollen. Dazu müssen aber zunächst Nestunterlagen auf Masten bereitgestellt werden. Die Wasserwerke Westfalen und die Stadt Schwerte klären zurzeit die Möglichkeiten. Auch der Chef eines in der der Nähe gelegenen Entsorgungsbetriebes will auf eigene Kosten eine Storchennisthilfe auf einem Hallendach installieren lassen.

Auch das Ruhrauengutachten, das der damalige Minister Matthiesen 1990 in Schwerte vorstellte, ist immer noch aktuell . Es lohnt sich, einen Blick auf einige dort geforderte Maßnahmen zu werfen:

Extensive Grünlandnutzung, Anlage und Pflege von Brachen und Hochstaudenfluren, Beseitigung und Verhinderung von Gehölzanflug (in Fröndenberg durch eine kleine Herde von Heckrindern gelöst), Abflachung und Entfesselung der Ruhrufer zur Rückgewinnung der natürlichen Fließgewässerdynamik, Anlage und Optimierung von Steilwänden für Uferschwalbe und Eisvogel, Umwandlung von Nadel- und nicht standortgerechten Laubholzaufforstungen in bodenständige Waldgesellschaften (wurde bereits durch das Forstamt begonnen), kein Angelsport in Naturschutzgebieten, ganzjähriges Jagdverbot in Naturschutzgebieten.

Letzterer Punkt erscheint Beobachtern besonders wichtig. Durch die Wasservogeljagd werden auch geschützte Tierarten vertrieben, wenn nicht sogar versehentlich abgeschossen. Selbst das Schießen von Enten vom entgegengesetzten, südlichen Ruhrufer löst immer wieder Panikreaktionen unter den Vögeln der Röllingwiese aus. Wir können nur hoffen, dass die Bezirksregierung Arnsberg, wenn sie mit ihren Arbeiten bis Schwerte gekommen ist, die im Ruhrauengutachten geforderten Maßnahmen gemeinsam mit dem Kreis endlich umsetzen wird.

Da die Fläche im Gebietsentwicklungs- bzw. Regionalplan als Gebiet zum Schutz der Natur ausgewiesen ist, kann sie durch den Kreis Unna schließlich in einer späteren Änderung des Landschaftsplans Schwerte als Naturschutzgebiet ausgewiesen werden.
Dieter Ackermann
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Literatur: Loske und Vollmer Büro für Ökologie und Wasserwirtschaft: Ökologisches Gutachten „Ruhraue“