Eine Fledermausnacht in Schwerte zurück  

Ein Spätsommerabend im September 1998. Wir stehen pünktlich um 19.00 Uhr an der alten Weide unterhalb der Ruhrbrücke in Schwerte-Villigst, denn etwa um 19.15 Uhr ist Sonnenuntergang: Dann ist es Zeit, die aus den Tagesquartieren anfliegenden Abendsegler nicht zu verpassen! Unser Fledermausdetektor ist auf die Frequenz um 25 kHz eingestellt und schon hören wir die für uns durch die Detektorumwandlung hörbar gemachten Orientierungsrufe der Abendsegler: "Plip, Plop ...". Aus ungefähr 30, 40 Metern Höhe kommen sie zum Wasserlauf der Ruhr heruntergeflogen. Die Echoortungsrufe, die schmalen Flügel und der keilförmige Schwanz lassen sie uns eindeutig bestimmen. Nun heißt es, die Anzahl festzustellen, doch das ist manchmal nicht leicht, denn mit einer Geschwindigkeit von bis zu 60 km/Std. jagen die Tiere nach den Insekten! Heute abend zählen wir nur bis zu drei fliegende Abendsegler, tragen die Anzahl in unser Beobachtungsbuch ein und vergessen auch die genaue Uhrzeit der ersten Flugbewegung und die gesamte Beobachtungsdauer nicht.

Denn wir beteiligen uns an dem Forschungs- und Entwicklungsvorhaben "Unternehmungen und Empfehlungen zur Erhaltung der Fledermäuse in Wäldern" des Bundesamtes für Naturschutz. Seit 1996 zählen Fledermausschützer und -forscher in fast allen Bundesländern an genau festgelegten Tagen an immer gleichen Jagd- oder Durchzugsgebieten Abendsegler. So sollen die Wanderbewegungen dieser fernziehenden Fledermausart und auch der Bestand bundesweit ermittelt werden mit dem Ziel, Lebensräume zu erhalten bzw. zu verbessern. In den nächsten Jahren beginnt ein Projekt zum Schutz der Hausfledermäuse, an dem sich hoffentlich wieder viele Naturschützer beteiligen werden!

Heute wollen wir aber auch herausfinden, ob außer den Abendseglern noch andere Fledermäuse fliegen. Die Lehramtsanwärterin aus einer Schule in Dortmund möchte mit Schülern einer 4. Klasse die fliegenden Insektenjäger hören und sehen, um ihre Prüfungsstunde über Fledermäuse vorzubereiten. Einige Eltern sind auch mitgekommen. Es ist schon spät im Jahr, so daß wir alle voller Spannung warten und, ein Aufschrei der Schüler: "Direkt an unserer Nase vorbei ist eine viel kleinere Fledermaus geflogen!" Wahrscheinlich ist es eine Rauhhautfledermaus aus den Kästen, die an der Birkenreihe am Ruhrfeldgraben hängen und in denen sie den Tag verschlafen. Hier haben wir im Laufe des Jahres bei elf Kontrollen bereits 106 Individuen dieser ebenso wie die Abendsegler fernwandernden Fledermausart gefunden, als höchstes an einem Tag 45 Tiere in sechs Kästen. Noch einige Male jagt die Fledermaus in unserer Nähe, immer entlang der Hochstauden am Ufer, an denen Nachtfalter Nahrung suchen und jetzt Beute der Fledertiere werden. Schon sehen wir wieder ein besonderes Schauspiel, wie für die Schüler bestellt, die auf Klappstühlen am Uferrand sitzen: Auf der "Bühne Wasserlauf der Ruhr" trinkt eine Fledermaus, indem sie mit dem Mund Wasser schöpft, elegant kurz auf die Wasseroberfläche hinuntergleitend!

"Hast Du das Looping gesehen?" ruft ein Schüler plötzlich begeistert: "Der Abendsegler macht ja ein richtiges Looping!" Und jetzt hören wir besonders gleichmäßige Laute aus dem Lautsprecher des Detektors und sehen einen Abendsegler in einem "Schauflug" mit geringem Flügelschlag vor dem Abendhimmel dahinsegeln. Ob ein Männchen wohl einem Weibchen imponieren will?

Zu schnell wird es dunkler und vor dem Hintergrund der Viehweide sind die Fledermäuse kaum noch zu sehen, nur zu hören. Auch die Rufe der Abendsegler werden immer seltener. "Sie haben tüchtig gefressen, brauchen ja auch viel Fettvorrat für den Winterschlaf!": Die Schüler haben sich vor der Exkursion gut in den Sachbüchern informiert!

Langsam wird es uns kalt, und wir spüren die unangenehmen Stiche der Mücken. Doch alle möchten noch die Wasserfledermaus hören und sehen. Mit weiß aufleuchtender Bauchseite zieht sie ihre Bahn bis ungefähr 30 Zentimeter über der Wasseroberfläche. Im Lichtstrahl einer Taschenlampe können wir die vielen Insekten "tanzen" sehen, eine fette Beute für die Wasserfledermaus. Im Ultraschallbereich um 45 kHz sendet sie ihre Rufe aus, fängt dann die ins Wasser gefallenen Insekten mit den Füßen, um sie im Weiterflug ganz schnell zu verspeisen. Da ist auch schon eine zweite Wasserfledermaus zu sehen! Im Detektor hören sich die Töne gleichmäßig wie die einer Nähmaschine an. Und jedes Mal, wenn die Töne lauter werden, können die Kinder beide Tiere durch den Lichtstrahl jagen sehen. "So spannend hatten wir uns einen Fledermausabend doch nicht vorgestellt! Bloß gut, daß es Vampirfledermäuse nur in Mittel- und Südamerika gibt!"

Die Kinder, die Referendarin, die Eltern und natürlich auch wir sind sehr zufrieden, daß hier bei uns in Schwerte eine so wunderbare Naturbeobachung möglich ist: An diesem Abend waren es gleich drei von insgesamt sieben Fledermausarten, die wir in Schwerte bisher feststellen konnten.

Irmgard Devrient